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Zeit des Vergessens

Wo ist die Furcht geblieben?

Es ist schon erstaunlich, wie in 2019 bekannte schlechte Nachrichten regelmäßig wiederholt wurden und als Grund herangezogen wurden, Aktienpositionen zu verkaufen. Crash Propheten hatten Hochkonjunktur und Unrecht.

Die gesamte negative Stimmung fand ihren Hochpunkt Mitte August 2019, als das Wort „Rezession“ die Runde machte.

Chart 1: sentix Stimmungsbarometer Mitte August 2019
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Quelle: sentix GmbH www.sentix.de

Wie es danach weiterging, wissen wahrscheinlich alle. Das Jahr endete als das 2. beste Aktienjahr seit 2009 und die letzten 4 Monate waren besonders stark.

  • Die Probleme des Jahres 2020 sind neu und scheinen vergessen zu sein.
  • Dass der Markt in 2019 stark gestiegen ist, scheint vergessen.
  • Dass der Iran potentiell noch eine Rechnung mit den USA offen hat, scheint vergessen.
  • Dass der Corona Virus noch nicht im Griff ist und China einen Anteil von 16% an der Weltwirtschaftsleistung hat, scheint vergessen.
  • Dass Mitte August 2019 noch Angst vor einer Rezession herrschte, scheint vergessen.
  • Dass Deutschland eine Gesellschafts- und Regierungskrise hat, wird ignoriert.

Und warum das alles? Weil die Investitionsquoten der meisten Investoren nach der Furcht zu gering waren. Plötzlich sind Aktien alternativlos.

Chart 2: sentix Stimmungsbarometer am 08.Februar 2020
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Quelle: sentix GmbH www.sentix.de

Dass Aktien alternativlos sind und die wahrscheinlich attraktivste Anlageklasse der Welt ist, verneinen wir ja gar nicht. Auch wenn Aktien alternativlos sind, sind sie nicht risikolos. Mit Risiko behaftet sind Aktien immer dann, wenn Risiken ausgeblendet werden. Das scheint zunehmend der Fall zu sein, wie Chart Nr. 2 zeigt.

Während in 2019 der Handelskrieg zwischen den USA und China regelmäßig genannt wurde, wird der aktuelle wirtschaftliche Stillstand in China ignoriert. Während des Handelskrieges ging es im Handel weiter, aktuell ist Stillstand. Italien gehört zu den G7 Ländern. 56 Tage der jährlichen Wirtschaftskraft Chinas entsprechen einem ganzen Jahr von Italien……

Natürlich sind die wirtschaftlichen Aktivitäten Chinas nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben. Dennoch wird dieser Stillstand in den kommenden Wirtschaftsdaten gespürt werden und die Artikel dazu werden noch geschrieben werden müssen.

In unserem Blog vom 6. Januar hatten wir geschrieben, dass wir zwar noch nicht besorgt sind, aber nicht mehr unbesorgt sind. Wir kommen dem Umstand immer näher, dass wir besorgt sind.

Eine Indikation für den Welthandel ist die Entwicklung des „Baltic Dry Index“. Dieser Index misst die Verschiffungskosten von Rohstoffen, also der Vorstufe der Produktion von Gütern. Der Index hat zwei Einflussfaktoren, erstens das Angebot (also die Frachtkapazitäten) und zweitens die Nachfrage. Dass das Angebot immer noch hoch ist, beschreibt die weiterhin andauernde Schifffahrtskrise. Dennoch wird der Verfall des Baltic Dry Index, der bereits im Herbst 2019 einsetzte und jetzt den tiefsten Stand seit Februar 2016 markiert, nicht nur am Angebot liegen. Interessant daran ist, dass der letzte Höchststand zu dem Zeitpunkt war, als das Wort der Rezession die Runde machte und alle in Angst und Schrecken versetzte.

Chart 3: Baltic Dry Index und Index der Halbleiterunternehmen seit 2015
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Quelle: vwd vereinigte Wirtschaftsdienste GmbH

Heute steht der Baltic Dry Index auf dem Niveau vom Februar 2016 (der letzte langjährige Tiefpunkt globaler Aktienmärkte) und dazu kann man in der Presse wenig lesen. Das Wort Rezession nimmt fast niemand in den Mund.

Halbleiter sind zyklisch. Wenn es der Weltwirtschaft schlechter geht, wird das die Halbleiterindustrie treffen. Die Tech Fans werden dem gegenüberstellen, dass Halbleiter von dem rasanten Fortschritt der Digitalisierung profitieren. Dem stimmen wir für das Design der Halbleiter zu. Damit ist nicht gemeint, welche Farbe oder Form sie haben, sondern was sie können und für welchen Nutzen sie „designt“ sind. Das ändert nichts daran, dass einfache Hersteller von Halbleitern zyklisch sind. Auch wenn die Unternehmen im Halbleiter Index weniger Hersteller und mehr Designer sind, scheint es eine gewisse Korrelation zwischen Halbleitern und Baltic Dry Index zu geben, die zurzeit ausgesetzt scheint. Einer der beiden Indices scheint falsch zu sein.

Wir sind keine Ökonomen und hegen auch gar nicht den Anspruch ein solches Wissen zu haben. Dennoch scheint die Welt heute einer Rezession näher zu sein, als im August 2019. An den Kapitalmärkten spürt man das nicht.

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Hinweis. Während im Februar 2016 die Stimmung gegenüber Aktien extrem schlecht war, ist sie heute zwar nicht euphorisch, aber auch nicht schlecht. Das schnelle „Wegwischen“ von negativen Themen und der zügige Übergang zur Tagesordnung (wird schon…) ist gefährlich. In unserem Blog von Anfang des Jahres hatten wir geschrieben, dass wir nicht mehr unbesorgt sind. Das eher unbesorgte Verhalten der Marktteilnehmer unterstreicht unsere beginnende Besorgtheit. Vielleicht haben wir das Glück, dass unterm Strich bis Mitte April die Märkte nicht positiv sind, sondern sogar leicht negativ, begleitet von einem Wechselbad der Gefühle. Dann hätten wir für den Rest des Jahres eine sehr gute Basis für steigende Kurse. Steigen die Märkte ungebremst weiter, müssen wir uns große Sorgen machen, von daher sollten wir uns über jeden Tag Regen etwas freuen, selbst Sturm wäre mittelfristig besser als Sorglosigkeit.

Wir halten Aktien weiterhin für das relativ interessanteste Investment. Im Vergleich zu Anleihen und Immobilien sind Dividenden so attraktiv wie nie zuvor. Dennoch ist eine gewisse Sorglosigkeit der Masse der Marktteilnehmer ein guter Grund etwas vorsichtiger zu werden.

Im September 2019 betrug die direkte Liquiditätsquote in den BvS & Co. Multimanager Strategien ca. 0,5%. Da die von uns gehaltenen Fonds in Summe zu vorsichtig waren, war die tatsächliche Liquiditätsquote deutlich höher und die Aktienquote unterhalb unserer Zielquote. Im September 2019 hatten wir die Aktienquoten auf unsere Zielquote entsprechend erhöht. Jetzt sind wir am oberen Ende der Zielquoten. Aus dem Grund reagieren wir und senken die Aktienquoten wieder.

Da wir Anleihen aktuell als keine interessante Alternative betrachten, haben wir Mitte Januar in den Multi Manager Strategien „Defensiv“ und „Ausgewogen“ die direkte Liquiditätsquote auf 5% erhöht. In Summe (direkt und indirekt) ist die Liquiditätsquote bei 12% für Defensiv und 11% für Ausgewogen.

Heute (MSCI Welt in € steht 1,5% höher als Mitte Januar) erhöhen wir die direkten Liquiditätsquoten auch für die Strategien „Dividende & Zins“ sowie „Risiko“ auf 5%. Die gesamte Liquiditätsquote ist damit für beide Strategien bei 10%.

Wir denken nicht digital, nicht Schwarz oder Weiß. Es macht keinen Sinn, alles zu verkaufen, denn man schafft den Wiedereinstieg nicht. Die Investoren, die im Dezember 2018 die Reißleine gezogen hatten, haben zu einem Großteil in 2019 nicht reinvestiert. Einige von denen machen das aktuell….

Wir werden die Aktienquoten wieder erhöhen, wenn die Zeit des Vergessens beendet ist und die Sorgen für die Masse der Investoren zurückgekehrt sind. Steigen die Kurse noch weiter und werden ernsthafte Probleme noch vermehrt weggewischt, werden wir nicht scheuen, die Cashquoten um weitere 5% zu erhöhen. Damit sind wir genug investiert, um an einer Fortsetzung einer Rallye zu partizipieren und haben genügend liquide Mittel, um in einer Korrektur zu kaufen. Natürlich werden wir bei einer Fortsetzung des Kursfeuerwerks gegenüber dem MSCI Welt schlechter abschneiden. Das ist uns die Aufgabe des Kapitalerhalts wert. Es wird wieder günstigere Zeiten geben.

„Wenn man eine bessere Performance als die Masse haben möchte, muss man etwas anders machen als die Masse“ – Sir John Templeton.

Übrigens folgen die von vielen „Robo – Beratern“ genutzten VaR (Value at Risk) Strategien der Masse. Dazu empfehlen wir unseren Blog „ Alter Wein in neuen Schläuchen“ (https://digitalesfamilyoffice.de/blog/robo-advisor-alter-wein-in-neuen-schlaeuchen).

Wie immer bleibt es spannend!

Für Rückfragen stehen wir gerne zur Verfügung.

 

Herzlichst,

Ihr Team von Breidenbach von Schlieffen & Co.



HINWEIS:
Dieser Blogbeitrag und dessen Inhalt stellt keinerlei Handlungsempfehlung dar, sondern dient lediglich der Information. Teaser Image by Marvin Esteve on Unsplash.


Über den Autor

Magnus v. Schlieffen hat mehr als 30 Jahre Erfahrung im Kapitalmarkt. Er war für verschiedene internationale Banken in leitenden Positionen in München, New York und Frankfurt tätig. Als ausgebildeter Volkswirt sind seine Schwerpunkte die Analyse von Kapitalmärkten und deren Anlageklassen, Regulierung, Nachhaltigkeit und die Analyse von Vermögensverwaltern, Fonds- und Investmentmanager. Er ist der Chief-Investment-Officer (CIO) von Breidenbach von Schlieffen & Co. und prägt so die Meinung des Hauses.

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